15. Januar 2011

Sonderregeln für Leiharbeiter?

Gewerkschaften und Arbeitgeber sind gegen eine Umsetzung der EU-Leiharbeitsrichtlinie im Sinne der Leiharbeiter, und die Bundesregierung tritt auf die Bremse. Das ist untragbar.

Mein Standpunkt: Die Produktivität von Leiharbeitern ist vergleichbar mit jener von Festangestellten, doch Leiharbeiter müssen für dieses Ergebnis mehr Kraft und Zeit investieren. Kurzum: Leiharbeiter leisten mehr. 

So gesehen ist Gleichbezahlung ein bescheidenes Ziel. Davon abgesehen frage ich mich warum sich ausgerechnet Gewerkschaften für gleiche Arbeit - gleiches Geld einsetzen? Immerhin gehört Entgeltdifferenzierung (also das Aushandeln von ungleicher Bezahlung für gleiche Arbeit) zu ihrem Kerngeschäft.

Traditionell kommt bei der Lohnfindung einiges zusammen wie zum Beispiel Lebensalter (Senioritätsprinzip), Familienstand, Qualifikation, Betriebsgröße und -bekanntheit, Dauer der Betriebszugehörigkeit, und nicht zuletzt Verhandlungsgeschick. Mit anderen Worten: Gleiches Geld für gleiche Arbeit ist eher Ausnahme als Regel.  

Hinzu kommt, dass Stammbelegschaften vielfach geldwerte Vorteile geniesen - z.B. verbilligtes Kantinen-Essen, bessere Einkauf-Konditionen für hauseigene Produkte, Firmenwagen auch zur privaten Nutzung, etc.

Für Leihkräfte sieht es meist weniger gut aus. Bezahlung nach Zeitarbeit-Tarif, keine oder weniger Vergünstigungen, etc. Das ist unfair. Es kann aber noch schlimmer kommen. In manchen Unternehmen herrscht offene Diskriminierung, z.B. durch eine deutlich unterscheidbare Arbeitskleidung werden die Externen sichtbar ausgegrenzt.

Eigentlich dürfte das nicht sein. Geregelt ist die Sache in der EU-Leiharbeitsrichtlinie. Sie verlangt im Kern "equal pay, equal treatment", also Gleichbezahlung und Gleichbehandlung.

Nur mit der Umsetzung ist das so eine Sache. Ein Gesetz, das Angleichung zum höheren Niveau der Festangestellten bewirken soll, könnte Unternehmen statt dessen zu (weiteren) Verschlechterungen bei ihren Stammbelegschaften veranlassen. Dadurch würde zwar mehr Gleichheit hergestellt, Leiharbeitern aber wäre nicht geholfen. Weitere Nebenwirkungen, z.B. Rationalisierungs-Druck und Abwanderung, können nicht ausgeschlossen werden. Sonderregeln für die Zeitarbeit-Branche befürworte ich schon deshalb nicht.

Die Lösung? Ein Branchen übergreifender, Flächen deckender gesetzlicher Mindestlohn beendet Lohndrückerei - mindestens bei den niedrigsten Einkommen. (Diesen Effekt würde das Bedingungslose Grundeinkommen übrigens auch entfalten.) Zusammenfassend sollte er überstaatlich - mindestens Bundesweit, besser noch im Rahmen der EU, am besten gleich weltweit - geregelt werden.

[Ergänzung vom 02.03.2011: Kommentar von Eva Völpel mit Hintergrund-Infos und weiteren Argumenten zum Thema. Gründe für die starke Zunahme von Leiharbeit (was ihr zufolge besser Mietarbeit heißen müßte) sieht sie z.B. darin, dass Leiharbeit insbesondere von stark Export orientierten Unternehmen als Möglichkeit zur Abwälzung von Weltmarkt-Risiken genutzt und dass Leiharbeit in Tarifverhandlungen als Druckmittel eingesetzt werde.]

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