17. Februar 2011

Aufgelesen und kommentiert: Plagiat

Süddeutsche Zeitung 16.02.2011 zum Plagiatsvorwurf gegen Guttenberg: "... vor allem Juristen [sind] ... durch Textdiebstähle aufgefallen."
Ihren Studenten bringen Professoren üblicherweise bei, wie sie in wissenschaftlichen Arbeiten korrekt zitieren
Das sollte man zumindest annehmen. Noch viel mehr sollte man voraussetzen können, dass Doktoranden die Regeln wissenschaftlichen Arbeitens beherrschen.
Weil es durch das Internet kinderleicht geworden ist, fremde Texte als eigene zu verkaufen, ist die Aufmerksamkeit für Plagiate gestiegen.
Ach ja? Dieser vermeintliche Zusammenhang ist alles andere als zwingend. Copy & Paste ist längst ein Massenphänomen - eigentlich schlechte Voraussetzungen für einen medialen Aufreger.

Der Medien-Hype ist ganz offensichtlich nicht zuerst in Guttenbergs Verfehlungen bei der Erstellung seiner Doktorarbeit begründet, sondern in seiner Prominenz.

Bis zu der Guttenberg-Geschichte drehte sich die mediale Aufmerksamkeit vor allem um prominente Einzelfälle (wie z.B. die Roman-Autorin Helene Hegemann) sowie um Verleger-Forderungen nach einem "Leistungsschutzrecht".

CDU/CSU und FDP streben gemäß Koaltionsvertrag "die Schaffung eines Leistungsschutzrechts für Presseverlage zur Verbesserung des Schutzes von Presseerzeugnissen im Internet an." (Entwurf S. 96 Zeile 4776 ff.) Es braucht nicht viel Phantasie um hier einen Zusammenhang zu erkennen. Beispielsweise würde kollaboratives Aufdecken von Plagiaten durch ein Leistungsschutzrecht vermutlich erschwert. Meine Prognose: Leistungsschutzrecht wird bald Gesetz. :-(

Die Schaffung eines Leistungsschutzrechtes würde aus Plagiaten ein Geschäftsmodell machen. :-(

Ein wenig böse formuliert: Verleger fordern eine fürstlich bezahlte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Rechtsanwälte. :-D

[Ergänzung vom 20.02.2011: Rechtsanwalt Thomas Stadler ist der Auffassung, Guttenberg verschärfe die Legitimationskrise des Urheberrechts (4. Absatz in "Das Wissenschaftsplagiat"). Soll wohl heißen, dass er nicht an die Schaffung eines Sekundär-Urheberrechts namens Leistungsschutzrecht glaubt. Oberflächlich betrachtet muss ich seiner Einschätzung zustimmen. Und außerdem hoffe ich sehr, dass meine zuvor genannte Prognose nicht eintrifft. Allerdings bin ich weiterhin der Auffassung, dass Guttenberg dem Anliegen der Verleger (mindestens indirekt) neuen Schub verleiht: Indem er Plagiat als Thema groß raus gebracht hat, wird sich die Diskussion vermutlich bald in Richtung Plagiat-Bekämpfung wenden. Und mindestens von neoliberaler Seite erwarte ich, dass sie die Mehr-von-der-selben-Medizin-Leier spielen (sprich: ein schärferes Urheberrecht fordern). Natürlich ist nicht ausgeschlossen, dass die sich nicht durchsetzen können. ;-)

Im Übrigen verweise ich auf meinen Lösungsvorschlag: Korrektes Zitieren vereinfachen und automatisieren ist besser als Moralkeule plus Sanktionen!]
In Prüfungs- und Promotionsordnungen steht, dass Kandidaten erklären müssen, ihre Arbeit selbst verfasst und alle Quellen vollständig angegeben zu haben.
Diese Erklärung ist offensichtlich nicht überall das Papier wert, auf der sie steht.

Meine Meinung zu Sammelklagen (dass Juristen keinen konstruktiven Beitrag zur Produktsicherheit leisten bzw. dass sie Produkte durch Warnhinweise nur scheinbar sicherer machen) lässt sich auf Plagiate übertragen: Erklärungen zur rechtlichen Absicherung bieten keine Problem-Lösung.
Der Münchner Jura-Professor Volker Rieble [...] sieht bei Hochschulen eine Tendenz, Plagiate zu verharmlosen.
[Ergänzung vom 23.02.2011: Diese Tendenz zur Verharmlosung von Plagiaten ist System bedingt: Das Hochschul-System ist ein hierarchisch strukturiertes Parallel-Universum, und offenkundiges Versagen von Personen an der Spitze einer hierarchisch strukturierten Organisation untergräbt deren Autorität.

Plagiate im Wissenschaftsbetrieb wirken in der zuvor beschriebene Weise negativ, d.h. sie zerstören den Ruf der Plagiatoren, schädigen plagiierte Personen (zumindest nach juristischer Logik, wonach entgangener Nutzen mit Schaden gleich gesetzt wird), und schwächen Plagiat-Kontrollinstanzen.

Der Vorgang ist darüber hinaus symbolisch aufgeladen: Ein Namensvetter des offiziellen Buchdruck-Erfinders erschüttert den Glauben an die Unabhängigkeit der Wissenschaft. :-D
Studenten würden zwar mit Bußgeldern bedroht, Professoren hingegen kämen davon und müssten allenfalls eine Rüge hinnehmen.
Sorgfaltspflicht gilt nicht nur für Studenten.

Für Professoren gehört es zum Geschäft, die Arbeiten ihrer Doktoranden, Diplomanden, Hiwis, Studenten, etc. zu nutzen - und längst nicht alle lassen ihre Zuträger am Erfolg teilhaben. :-(

[Ergänzung vom 24.02.2011: Wenn Professoren kopieren nennt man das "wissenschaftliches Fehlverhalten". :-D]

Moral plus Sanktionen ist gut, korrektes Zitieren vereinfachen (und möglichst automatisieren) ist besser.

Allgemein formuliert: Ziel muss das einfache und automatische Einhalten von Standards sein, und das lässt sich durch Technik auch verwirklichen.

Korrektes Zitieren vereinfachen und automatisieren - bei einigen Anbietern von "Sozialen Netzwerken" und anderen Internet-Diensten ist das längst umgesetzt, z.B. bei Google Buzz ("weitergeben") und Tumblr ("rebloggen").
Ausgerechnet Juristen sind in jüngster Zeit durch Textdiebstähle aufgefallen, auch etablierte Forscher [...] Der Deutsche Hochschulverband, die bundesweite Standesvertretung der Professoren, leitete ein Ausschlussverfahren gegen die beiden ein. Einem möglichen Rauswurf kamen sie jedoch zuvor, indem sie selbst austraten.
Wer sich heute noch mit fremden Federn schmückt, muss damit rechnen, früher oder später aufzufliegen. Plagiate sind Zeitbomben.
Plagiate werden gern als Flüchtigkeitsfehler heruntergespielt oder Mitarbeitern in die Schuhe geschoben.
Guttenberg hat lange Absätze kopiert und minimal verändert. (Beweise hierfür gefunden und veröffentlicht haben z.B. SZ und FAZ.) Demnach war sein Vorgehen kein Versehen und keine Sabotage.

[Ergänzung vom 19.02.2011: Im GuttenPlag-Wiki haben viele Freiwillige eine gemeinschaftliche Dokumentation des "wissenschaftlichen Fehlverhaltens angelegt. Bislang wurden offenbar 242 Seiten mit nicht (hinreichend) gekennzeichneten Zitaten gefunden (Stand 14:48 Uhr). Starker Tobak für eine angeblich zu 100 % selbst verfasste Arbeit - noch dazu mit Best-Note.]

[Ergänzung vom 20.02.2011: Ungewöhnlich deutlicher Kommentar zur Causa Guttenberg im netbib weblog. Die Angelegenheit sei ein "Schlag ins Gesicht für alle ehrlichen Wissenschaftler". Der Autor Klaus Graf belässt es nicht bei Kritik. Sein Lösungsvorschlag: Pflicht zur Veröffentlichung unter Open Access-Bedingungen. Dies wirke abschreckend auf potenzielle Schummler.]

[Ergänzung: "Plagiat ist .. die aus freier Entschließung eines Autors oder Künstlers betätigte Entnahme eines nicht unbeträchtlichen Gedankeninhalts eines anderen für sein Werk in der Absicht, solche Zwangsanleihe nach ihrer Herkunft durch entsprechende Umgestaltung zu verwischen und den Anschein eigenen Schaffens damit beim Leser oder Beschauer zu erwecken." (Quelle)

Zusammenfassung: Ein Plagiat ist die feindliche Übernahme fremder Gedanken unter Verschleierung der Herkunft.

Sinn verfälschende Wiedergabe fremder Gedanken ist stets feindlich, auch ohne Herkunft-Verschleierung.

Plagiate sind nicht nur im wissenschaftlichen Bereich üblich, sondern auch in Politik und Medien. Profi-Plagiatoren formulieren fremdes Gedankengut um (= Umschreiben). Dadurch sichern sie sich ab, z.B. gegen urheberrechtliche Ansprüche.]

[Ergänzung vom 23.02.2011: Außerdem kann man die Einleitung der Guttenberg-Doktorarbeit ("Aus vielem eines - so lautete das Motto ...") auch so verstehen, dass er seine Prüfer ausdrücklich auf die Art des Zustandekommens aufmerksam gemacht hat. :-D]

[Ergänzung vom 20.02.2011: Rainer Kuhlen behauptet im NetEthics-Blog der Uni-Konstanz einen wichtigen Unterschied zum Urheberrecht: "Die Anforderungen in der Wissenschaft an korrektes Zitier- bzw. Referenzierungsverhalten sind viel weitergehend, als es das Urheberrecht regelt. Anders als bei letzterem schützen die wissenschaftlichen Verhaltens-Codices nicht nur den direkten Wortlaut, sondern auch die zugrundeliegenden Ideen."]

[Ergänzung vom 18.02.2011: Umschreiben ist nicht zwingend mit Plagiat-Verschleierung verbunden bzw. kann sogar geboten sein (z.B. Neutralisierung tendenziöser Pressemitteilungen).]

Guttenberg hat einen medialen Aufschrei provoziert. Auf den ersten Blick ist dies das vermeintliche Gegenteil von Absicherung. Andererseits konnte er davon ausgehen, dass seine Zeitbombe irgendwann zündet. Also war es ihm auch möglich sich auf das Chaos nach der Explosion vorzubereiten und auch den Zeitpunkt der Detonation selbst herbei zu führen. Hat er sich vorbereitet und die Bombe selbst gezündet? Falls ja verfolgt er eine getarnte Strategie der Absicherung. :-D

Insgesamt gehe ich davon aus, dass er sich im Rahmen seiner Doktor-Arbeit einen Skandal auf Vorrat geschaffen hat. Meine Annahme: Er will sich als "harter Hund" inszenieren. :-)

[Ergänzung vom 19.02.2011: Laut Spiegel Online hat Guttenberg auch die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages für seine Doktorarbeit benutzt. Nicht klar aus diesem Artikel geht hervor, ob er die Ausarbeitung im Rahmen seiner damaligen Abgeordneten-Tätigkeit anfertigen lies. Der Artikel legt jedenfalls nahe, dass Guttenbergs Auftrag und/oder die Übernahme der Ausarbeitung in seine Doktorarbeit gegen die Regeln des Bundestages verstoßen habe. Dies würde der Plagiat-Affäre eine (weitere) politische Dimension verleihen.]

[Ergänzung vom 23.02.2011: Laut Medienberichten (z.B. Welt) bat er um Rücknahme des Doktor-Titels. Die Universität verweist auf ihre Verwaltungsvorschriften und will zunächst prüfen.

Wow, das ging schnell. Der Doktortitel ist weg.]

[Ergänzung vom 25.02.2011: FAQ zur Aberkennung des Doktorgrads bei der Süddeutschen Zeitung.]

  • [Ergänzung vom 27.02.2011: Im Jahr 2010 wurde Andreas Kasper (CDU, damals "Verbandsvorsteher" beim Landesverband Lippe) auf Grund einer Plagiatsaffäre der Doktor-Titel entzogen, vom Amt enthoben und zu 90 Tagessätzen verurteilt.]
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