13. April 2011

Aufgelesen und kommentiert: Atomausstieg

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) warnt seine Partei in einem Interview mit dem Stern vor zu schnellen Festlegungen beim Ausstieg aus der Atomkraft:
"Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, wir könnten uns von der Kernkraft verabschieden und künftig unseren Strombedarf decken, weil jeder hinterm Haus so einen kleinen Kühlschrank stehen hat und dann in Kraft-Wärme-Kopplung machen kann. Das ist absurd" (Quelle)
Der Reihe nach:

Von der Kernkraft verabschieden

Alle AKWs zusammen bringen rund 21 Gigawatt Leistung. Die müssen nicht rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Ersatz-Kraftwerke sind größtenteils in Bau. Ein Ausstieg bis 2015 ist realistisch, rechnet Greenpeace vor. Geht sogar noch schneller (siehe Punkt 3).

Strombedarf ohne AKW decken

Machbar ohne Stromausfälle, ohne tausende Kilometer neue Höchstspannungsleitungen, ohne Preisexplosion und einschließlich Mehrbedarf für Elektroautos.

[Ergänzung vom 17.04.2011: Michael Spreng vermutet die Kernkraft-Lobby hinter der FUD-Kampagne (mit Argumenten wie "der Ausstieg ist nicht bezahlbar, der Strompreis steigt ins Unermessliche, die Netze können zusammenbrechen, wir müssen Kernergie aus dem Ausland importieren"). Grund sei, "die Wirkung der eigentlichen Hiobsbotschaft, nämlich die von Fukushima, durch neue Schrecken zu verdrängen."]

[Ergänzung vom 17.05.2011: nano spezial "Was kostet der Netzausbau?"]

Dezentrale Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung

Hierin liegt ein enormes Potenzial, das sich kurzfristig erschließen lässt. Beispiel: In Deutschland gibt es rund 40 Mio Haushalte. Knapp die Hälfte sind mit Erdgas-Heizungen ausgestattet (Quelle). Jedes Jahr werden mehr als 1 Mio Heizungen sowieso erneuert. Hier ist Raum für Bürger-Engagement: Entscheiden sich genug für Strom produzierende Heizungen, wird ein weiteres Atomkraftwerk pro Jahr überflüssig.

Übrigens: Erdgas ist die viel beschworene "Brücke" hin zu erneuerbaren Energieträgern. Es lässt sich mit aus z.B. Windstrom hergestelltem Wasserstoff und Erdgas-Substitut mischen, mittelfristig sogar ersetzen.

Kühlschrank hinterm Haus

Spricht er von frei stehenden Wärmepumpen? Technisch käme es hin: Wärmepumpe und Kühlschrank funktionieren nach dem gleichen Prinzip.

(Idee am Rande: Freikolbendampfmaschine mit integriertem Linear-Generator in den Kühlkreislauf einbauen.)

Absurditäten

Was ist am schnellen Atomausstieg widersinnig, was an einem massiven Ausbau von dezentraler Stromerzeugung mittels Kraft-Wärme-Kopplung? Im Gegenteil, beides gebietet der gesunde Menschenverstand - und zwar mit Blick auf das IMHO nicht verantwortbare "Restrisiko" so schnell wie möglich.


[Ergänzung vom 15.04.2011: Bund und Länder haben sich laut Pressemitteilung der Bundesregierung darauf geeinigt, Atomausstieg sowie Umstieg in erneuerbare Energien "schnellstmöglich" zu erreichen. Hierzu werde das Atomgesetz geändert. Läuft es nach Zeitplan, wird der Atomausstieg am 17. Juni 2011 Gesetz. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) will gleichzeitig einen für ganz Deutschland geltenden Rechtsrahmen für Windkraftanlagen schaffen. Gemäß o.g. Pressemitteilung betrifft dies zum Beispiel Mindestabstände zu menschlichen Siedelungen, maximale Anlagenhöhe und Ausweisung von Eignungsflächen.]

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen